Rolfs Herfs und Gabriele Geiser freuten sich sehr, bei der Premiere der Führung im Beisein von Museumsleiterin Dr. Rita Müllejans-Dickmann (rechts) den Fechter im Atelier des Museums auch ohne Handschuhe ertasten zu dürfen.
Heinsberg. Das Museum Begas Haus bietet jetzt auch blinden und sehbehinderten Menschen einen spontanen Museumsbesuch an dank einer für sie eigens konzipierten Führung, die sie auf ihrem eigenen Smartphone hören können.
Neben seinen Audio--Führungen in deutscher und englischer Sprache sowie in einfacher Sprache bietet das Heinsberger Museum Begas Haus jetzt auch eine -Audio-Führung für blinde und sehbehinderte Menschen an. Damit gehört die Stadt Heinsberg zu gerade einmal zwei Dutzend Kommunen in Deutschland, die laut dem Verein „anderes sehen“ Menschen, die nicht oder nur sehr wenig sehen können, einen spontanen Besuch in einem Museum ermöglichen kann.
Die Idee zu dieser Führung hatte Corinna Wolters. Sie hatte in einem inklusiven Projekt im Begas Haus auch schon die ersten Audio-Führungen für das eigene Smartphone konzipiert. „Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als schwerbehinderte Person war es mir von Beginn an ein Anliegen, das bereits in fast allen Bereichen barrierefreie Begas Haus durch diese spontan nutzbaren Führungen noch zugänglicher zu gestalten“, sagt sie.
Die Aufgabe bei dieser neuen Führung sei gewesen, die Kunstwerke so zu beschreiben, dass Menschen sie sich gut vorstellen könnten, auch ohne sie zu sehen. „Besonders wichtig war mir, verständliche, ansprechende Beschreibungen für die Kunstwerke zu verfassen“, erzählt sie von ihrem Projekt. Bei der Vorbereitung dieser Führung ging Corinna Wolters daher in einen engen Austausch mit Rolf Herfs, der Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins im Kreis Heinsberg ist.
Bei einem ersten Besuch von Rolfs Herfs im Museum wurden während eines Rundgangs zentrale Werke im Museum identifiziert, anhand derer die wesentlichen Themen im Museum vermittelt werden können, so Corinna Wolters. „Zugleich wussten wir aber auch bei der Konzeption dieser neuen Führung schon, dass das Team des Museums jederzeit blinden und sehbehinderten Menschen auf Wunsch bei ihrem Rundgang zur Seite steht, gerne weitere Ausstellungsstücke beschreibt und auch bei Problemen hilft.“ Darüber hinaus würden den blinden und sehbehinderten Menschen in der neuen Führung aber auch Dinge erläutert, die sich sehenden Menschen automatisch erschließen, etwa der Laufweg zum nächsten Raum, die Standorte von Sitzgelegenheiten oder der Besucher-Toilette.
Gelungener Testlauf
Nachdem die Führung von der freien Journalistin Anna Petra Thomas eingesprochen worden war, konnte jetzt ein erster Testlauf starten. Dafür waren Rolf Herfs und Gabriele -Geiser, ebenfalls im Blinden- und Sehbehindertenverein aktiv, ins Museum gekommen. Sie zeigten sich begeistert von den neuen Möglichkeiten, die das Museum blinden Menschen und Menschen mit einer Sehbehinderung jetzt bietet. Sie können mithilfe der neuen Audioführung nicht nur durchs Museum gehen, sondern erhalten auf Wunsch auch Handschuhe, um dann in Begleitung einer Museumsmitarbeiterin das ein oder andere Aus-stellungsobjekt sogar für sich zu ertasten.
Rolfs Herfs hatte es da gleich im Eingangsbereich die große Nagelfigur von Johann II. von Heinsberg angetan. „Wenn man ihn anfassen darf, wird einem erst bewusst, wie groß er wirklich ist“, staunte er. Natürlich gehe das nur mit Handschuhen, zeigte er Verständnis. „Das ist ein Kompromiss, aber ein guter Kompromiss.“ Eine Etage höher durfte er dann die Figur des Fechters auch ohne Handschuhe anfassen, da es sich dabei um eine Nachbildung in Form eines 3D-Drucks handelt. „Wenn man die Ausstellungsstücke, die in der Führung beschrieben werden, anfassen darf, ertastet man für sich noch mehr Details“, freute sich Gabriele Geiser.
Als Fazit lobte Rolf Herfs nach der Premiere der Führung vor allem, dass das Museum für blinde und sehbehinderte Menschen eine eigene Führung konzipiert hat, die auf weniger Kunstwerke eingeht, diese dann aber sehr detailliert beschreibt. „Das habe ich so noch nicht erlebt, aber das ist eine sehr gute Lösung“, erklärte er. Das Engagement des Museums sei vor allem deshalb zu würdigen, weil es sich nicht um ein neu gebautes Museum handele, sondern um ein Museum in alten Gemäuern, in dem dennoch das Beste für eine möglichst umfassende Barrierefreiheit getan werde. „Ich würde mir wünschen, dass es ein solches Engagement auch in anderen Wirtschafts- und Kulturbereichen gäbe“, betonte er.
Wilfried Oellers, der als CDU-Bundestagsabgeordneter auch Beauftragter für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion ist, würdigte das Engagement des Museums ebenfalls. „Ich finde es bemerkenswert, dass sie ein solches Projekt in Eigeninitiative umgesetzt haben“, sagte er.
Im Rahmen einer sogenannten kulturtouristischen Analyse habe man bereits 2019 den Hinweis auf die Plattform „izi.travel“ erhalten, erklärte Dr. Rita Müllejans-Dickmann. Gerne sei sie dann nach Fertigstellung der ersten drei Führungen dem Vorschlag von Corinna Wolters gefolgt, auch eine Führung für blinde und sehbehinderte Menschen zu erarbeiten. „Wir waren schon vorher zu 99 Prozent barrierefrei“, sagt sie. „Aber eine weitere Beschilderung oder gar Leitsysteme auf den alten Steinböden wären für die Optik und auch in der Umsetzung schwierig zu realisieren gewesen.“
Neben der spontan nutzbaren Audioführung biete das Museum aber gerne auch terminierte Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen an, so die Museumsleiterin. „Dabei könnten wir dann sicherlich in unserem Raum für Regionalgeschichte die ein oder andere Vitrine öffnen“, sagte sie. So könnten Besucherinnen und Besucher auch dort einzelne Stücke mit Handschuhen ertasten. „So wird dann auch für uns Geschichte greifbar“, freute sich Rolfs Herfs. Für die Zukunft plant das Museum darüber hinaus, haptische Objekte der zentralen Gemälde des Museums anzuschaffen, damit es im Museum auch die Gemälde zusätzlich zur detaillierten Beschreibung zum Anfassen gibt.
Quelle: PM Begas Haus














